https://www.lieder.net/lieder/get_text.html?TextId=6419
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Zum neuen Jahr
Wie heimlicherweiseWild zuckt der Blitz. In fahlem Lichte steht ein Turm.
Der Donner rollt. Ein Reiter kämpft mit seinem Roß,
Springt ab und pocht ans Tor und lärmt. Sein Mantel saust
Im Wind. Er hält den scheuen Fuchs am Zügel fest.
Ein schmales Gitterfenster schimmert goldenhell
Und knarrend öffnet jetzt das Tor ein Edelmann...
- »Ich bin ein Knecht des Königs, als Kurier geschickt
Nach Nîmes. Herbergt mich! Ihr kennt des Königs Rock!«
- »Es stürmt. Mein Gast bist du. Dein Kleid, was kümmert's mich?
Tritt ein und wärme dich! Ich sorge für dein Tier!«
Der Reiter tritt in einen dunkeln Ahnensaal,
Von eines weiten Herdes Feuer schwach erhellt,
Und je nach seines Flackerns launenhaftem Licht
Droht hier ein Hugenott im Harnisch, dort ein Weib,
Ein stolzes Edelweib aus braunem Ahnenbild...
Der Reiter wirft sich in den Sessel vor dem Herd
Und starrt in den lebend'gen Brand. Er brütet, gafft...
Leis sträubt sich ihm das Haar. Er kennt den Herd, den Saal...
Die Flamme zischt. Zwei Füße zucken in der Glut.
Den Abendtisch bestellt die greise Schaffnerin
Mit Linnen blendend weiß. Das Edelmägdlein hilft.
Ein Knabe trug den Krug mit Wein. Der Kinder Blick
Hangt schreckensstarr am Gast und hangt am Herd entsetzt...
Die Flamme zischt. Zwei Füße zucken in der Glut.
- »Verdammt! Dasselbe Wappen! Dieser selbe Saal!
Drei Jahre sind's... Auf einer Hugenottenjagd...
Ein fein, halsstarrig Weib... "Wo steckt der Junker? Sprich!"
Sie schweigt. "Bekenn!" Sie schweigt. "Gib ihn heraus!" Sie schweigt
Ich werde wild. Der Stolz! Ich zerre das Geschöpf...
Die nackten Füße pack ich ihr und strecke sie
Tief mitten in die Glut.. "Gib ihn heraus!".. Sie schweigt...
Sie windet sich... Sahst du das Wappen nicht am Tor?
Wer hieß dich hier zu Gaste gehen, dummer Narr?
Hat er nur einen Tropfen Bluts, erwürgt er dich.«
Eintritt der Edelmann. »Du träumst! Zu Tische, Gast...
Da sitzen sie. Die drei in ihrer schwarzen Tracht
Und er. Doch keins der Kinder spricht das Tischgebet.
Ihn starren sie mit aufgerißnen Augen an-
Den Becher füllt und übergießt er, stürzt den Trunk,
Springt auf: »Herr, gebet jetzt mir meine Lagerstatt!
Müd bin ich wie ein Hund!« Ein Diener leuchtet ihm,
Doch auf der Schwelle wirft er einen Blick zurück
Und sieht den Knaben flüstern in des Vaters Ohr...
Dem Diener folgt er taumelnd in das Turmgemach.
Fest riegelt er die Tür. Er prüft Pistol und Schwert.
Gell pfeift der Sturm. Die Diele bebt. Die Decke stöhnt.
Die Treppe kracht... Dröhnt hier ein Tritt?... Schleicht dort ein Schritt?...
Ihn täuscht das Ohr. Vorüberwandelt Mitternacht.
Auf seinen Lidern lastet Blei und schlummernd sinkt
Er auf das Lager. Draußen plätschert Regenflut.
Er träumt. »Gesteh!« Sie schweigt. »Gib ihn heraus!« Sie schweigt.
Er zerrt das Weib. Zwei Füße zucken in der Glut.
Aufsprüht und zischt ein Feuermeer, das ihn verschlingt...
- »Erwach! Du solltest längst von hinnen sein! Es tagt!«
Durch die Tapetentür in das Gemach gelangt,
Vor seinem Lager steht des Schlosses Herr - ergraut,
Dem gestern dunkelbraun sich noch gekraust das Haar.
Sie reiten durch den Wald. Kein Lüftchen regt sich heut.
Zersplittert liegen Ästetrümmer quer im Pfad.
Die frühsten Vöglein zwitschern, halb im Traume noch.
Friedsel'ge Wolken schwimmen durch die klare Luft,
Als kehrten Engel heim von einer nächt'gen Wacht.
Die dunkeln Schollen atmen kräft'gen Erdgeruch.
Die Ebne öffnet sich. Im Felde geht ein Pflug.
Der Reiter lauert aus den Augenwinkeln: »Herr,
Ihr seid ein kluger Mann und voll Besonnenheit
Und wißt, daß ich dem größten König eigen bin.
Lebt wohl. Auf Nimmerwiedersehn!« Der andre spricht:
»Du sagst's! Dem größten König eigen! Heute ward
Sein Dienst mir schwer.. Gemordet hast du teuflisch mir
Mein Weib! Und lebst!... Mein ist die Rache, redet Gott.«
(Conrad Ferdinand Meyer)
die Welt wird fleißig.
Die Häßlichen werden geschlachtet,
die Welt wird schön.
Die Narren werden geschlachtet.
die Welt wird weise.
Die Kranken werden geschlachtet,
die Welt wird gesund.
Die Alten werden geschlachtet,
die Welt wird jung.
Die Traurigen werden geschlachtet,
die Welt wird lustig.
Die Feinde werden geschlachtet,
die Welt wird freundlich.
Die Bösen werden geschlachtet,
die Welt wird gut.
aus: Erich Fried: gesammelte Werke. Bd. 1. Wagenbach Verlag. München 1993, S. 565. © Claassen.
Das Wort schlachten wird verbunden mit vielen positiven Eigenschaften: Fleiß, Schönheit, Weisheit …
So unpassend das klingt, immer wieder tauchen Sätze auf, die sich auf Erfahrungen aus der Realität beziehen:
Häßliche stellen sich dem Chirugen, damit er sie schön macht. Die Geisteskranken und -schwachen (Narren) wurden getötet, damit nur Gesunde weiterleben sollten. Feinde sollen getötet werden, um die Welt sicherer erscheinen zu lassen. So überfällt man aus Angst vor Al Quaida Afghanistan.
Als das Schlachten die Welt lustig machen soll, spürt man den Wahnsinn, der dahinter steht.
Aber erst die letzte Zeile entlarvt die Versprechen von vorher als Zwecklügen. Wie kann Schlachten anderer Menschen die Welt gut machen?
Das Töten von Feinden hat ja seit Jahrtausenden seine Rechtfertigung gefunden und die bestand im Grunde immer darin, dass nur so die wünschenswerte gute Welt entstehen könne. Erst da, wo die Methode Schlachten direkt dazu führen soll, dass die Welt gut wird, da erst wird die Argumentation Der Zweck heiligt die Mittel ganz ad absurdum geführt. Erreicht wird es aber nicht allein durch die letzten beiden Zeilen, sondern dadurch, dass das Ergebnis dieser ständigen Schlachterei die Welt gut machen soll.
Es folgt eine Anregung von Herrn Dittrich (ursprünglich auf ZUM.de), wie man das Gedicht im Unterricht behandeln kann, und hier weitere Gedichte von Fried, über die nachzudenken sich lohnt.
Unterrichtsskizze
Medien
Kassette aufnehmen (Text unter „Hinführung und Motivation“), Gedichte auf
Folie (mit und ohne Lücken), OHW, Arbeitsblatt (AB)
1.Unterrichtseinheit (45 mm)
Hinführung/Motivation
Verschiedene Menschen beklagen sich:
— Die Menschen werden immer unfreundlicher! Kassette
— Die Menschen werden immer fauler!
— Die Menschen werden immer dümmer!
— Die Menschen werden immer unzufriedener! Lehrer schweigt
— Die Menschen werden immer böser!
Aussage dazu:
— Es ist höchste Zeit Maßnahmen zu ergreifen!
Zielangabe:
Lehrer zeigt auf Folie die Überschrift „Die Maßnahmen“. Folie mit
Lückentext
Textbegegnung:
Das Gedicht wird mit Lücken Vers für Vers gezeigt. Folie mit
Lückentext
Textanalyse
— Formbetrachtung:
Das Gedicht wird an die Schüler verteilt.
Es reimt sich nicht, trotzdem wissen wir, dass es ein
Gedicht ist!
— Inhalt:
Das Gedicht besteht aus zwei Teilen. Fasse sie jeweils AB/UG
in einem Wort zusammen.
Das Gedicht ist zweigeteilt:
• immer die gleiche Maßnahme,
• Absicht/Ziel der Maßnahme.
Maßnahmen Absicht/Ziel TA/Folie
— Gehalt:
Lies die Ziele noch einmal durch und besprich dich mit PA
deinem Partner. Was hältst du davon? Begründe!
Ziele: gut gemeint, sind aber nicht gut!
Lies die Maßnahmen noch einmal durch und besprich
dich mit deinem Partner. Was hältst du davon?
Begründe!
Maßnahmen: immer die gleiche, brutal, unmenschlich, verwerflich.
brutal, unmenschlich gut, gut gemacht TA/Folie
verwerflich
Vertiefung/Reflexion
— „Bist du faul?“ UG
Manchmal ... nicht immer ... wer bestimmt das?
Wer bleibt übrig?
— „Eine Maßnahme soll auch Erfolg haben!“
Diese Maßnahmen bringen keinen Erfolg. Wer
geschlachtet ist, kann sich nicht ändern.
— Erkenntnis:
Verbesserung
Transfer/Wertung
— Was meinst du? Warum hat Erich Fried dieses Gedicht UG
geschrieben? Provokation = Wachrütteln durch Übertreibung
— Brutale Maßnahmen werden oft hinter schönen Worten versteckt.
Beispiele aus Geschichte und Gegenwart
Unwörter ihre Bedeutung TA/Folie
In Bosnien Vertreibung von
Endlösung der Menschen
Judenfrage
Hausaufgabe
Schüler schreiben nach der Vorlage des Gedichts von
Erich Fried selbst ein Gedicht mit der Überschrift „Meine
Maßnahmen“. Was kann ich tun, damit die Welt (meine
Welt) etwas besser wird?
TA/Folie
Arbeitsblatt:
Erich Fried: Die Maßnahmen
Die Faulen werden geschlachtet, die Welt wird fleißig.
Die Häßlichen werden geschlachtet, die Welt wird schön.
Die Narren werden geschlachtet,
Die Kranken werden geschlachtet,
___________________________ die Welt wird jung.
___________________________ die Welt wird lustig.
___________________________ die Welt wird freundlich.
___________________________ die Welt wird gut.
Folienvorlage:
Erich Fried: Die Maßnahmen
Die Faulen werden geschlachtet, die Welt wird fleißig.
Die Häßlichen werden geschlachtet, die Welt wird schön.
Die Narren werden geschlachtet, die Welt wird weise
Die Kranken werden geschlachtet, die Welt wird gesund.
Die Alten werden geschlachtet, die Welt wird jung.
Die Traurigen werden geschlachtet, die Welt wird lustig.
Die Feinde werden geschlachtet, die Welt wird freundlich.
Die Bösen werden geschlachtet, die Welt wird gut.
Maßnahmen Absichten, Ziel
brutal, unmenschlich, verwerflich gut, gut gemeint
Mit brutalen, unmenschlichen Maßnahmen erreicht man keine Verbesserung!
2. Unterrichtseinheit (45 min)
Die Schülergedichte „Meine Maßnahmen“ werden im Sitzkreis von den einzelnen Schülern vorgetragen. Der formale Aufbau der Gedichte, stark angelehnt an das Gedicht „Die Maßnahmen“ von Erich Fried, kann gut bewertet und korrigiert werden. Beim Inhalt der Gedichte sollte matt mit einer Wertung sehr zurückhaltend sein. Die Ziele und Maßnahmen der einzelnen Schüler sind erst einmal deren individuelle und persönliche Empfindungen und sollten unbedingt als solche akzeptiert werden. Es sollte aber darauf geachtet werden, dass die Ziele und Maßnahmen, die in den Gedichten angesprochen werden, in die täglich erlebte Welt der Schüler passen und erreichbar sind. Es geht um ihre kleine Welt, in der sie etwas verändern und verbessern können.
Eventuell notwendige Korrekturen werden dann von den Schülern zu Hause vorgenommen.
3.Unterrichtseinheit (45—90 min)
Die Schüler geben ihre überarbeiteten Gedichte im Informatikraum in die Computer ein und formatieren die Texte ansprechend.
Anschließend werden die gesammelten Gedichte mit einem Begleittext versehen und unter der Überschrift „Hauptschüler als Dichter“ an einer Pinnwand der ganzen Schule vorgestellt oder in der Schülerzeitung bzw. der örtlichen Presse veröffentlicht.
4.Unterrichtseinheit (45 min)
Einige Jahre nach dem Gedicht „Die Maßnahmen“ schrieb Erich Fried sein Gedicht „Der Besinnliche“, das sich auf die Ziele und Maßnahmen des bekannten Gedichts bezieht.
Der Lehrer stellt das Gedicht vor. Der formale Aufbau des Gedichts ähnelt stark dem Bekannten. Im Inhalt wird deutlich die Schuld des Einzelnen angesprochen, der sieht und etwas erkennt, aber es nicht schafft, auf seine Erkenntnis Taten folgen zu lassen.
Wer nichts tut, macht sich schuldig! Wer nichts tut, wird zum Werkzeug und zum Handlanger anderer!
Erich Fried
Der Besinnliche
ich will nicht mehr schlachten,
drum wird weitergeschlachtet.
Ich will nichts Böses tun,
drum tu ich nichts Gutes.
Ich will nicht mitmachen,
drum mache ich nichts dagegen.
ich will von nichts wissen,
drum ist meine Unwissenheit verwendbar.
Ich will untätig sein,
drum tut man mit mir was man will.
Morgen
Gottfried Keller (1819 - 1890), Schweizer Dichter und Romanautor
Quelle: Keller, G., Gesammelte Gedichte. I. Buch der Natur
Schiller! ich hätte sterben wolln zur Stund,
Hätt ich den Schrei durch Schauernacht gejagt
Vom dunklen Turmgefängnis zeitzernagt
Aus jenes Vaters ausgezehrtem Mund –
Damit nicht dereinst etwas Mindres mich
Als sterblich stemple! Ruf so triumphal
Vom Finstren Graun – sein Koboldpersonal
Verschüchtert vom verblassten Schauplatz wich!
Ach! Könnt ich dich nur hochgemut entrückt,
Du Barde der Erhabenheit, erspähn,
Beim Schweifen spät, das Auge leicht verrückt,
Im weiten alten Wald, wenn Stürme wehn!
Sinnen würd ich, voll stummer Ehrfurcht sehn:
Dann würd ich lautstark weinen, wild verzückt!
To the Author of the Robbers
Schiller! that hour I would have wish‘d to die,
If thro' the shuddering midnight I had sent
From the dark dungeon of the Tower time-rent
That fearful voice, a famish‘d Father's cry -
Lest in some after moment aught more mean
Might stamp me mortal! A triumphant shout
Black Horror scream‘d, and all her goblin rout
Diminish‘d shrunk from the more withering scene!
Ah! Bard tremendous in sublimity!
Could I behold thee in thy loftier mood,
Wandering at eve with finely-frenzied eye
Beneath some vast old tempest-swinging wood!
Awhile with mute awe gazing I would brood:
Then weep aloud in a wild ecstasy!
Theodor Storm: GedichteWie wenn das Leben wär nichts andres
Als das Verbrennen eines Lichts!
Verloren geht kein einzig Teilchen,
Jedoch wir selber gehn ins Nichts!Denn was wir Leib und Seele nennen,
So fest in eins gestaltet kaum,
Es löst sich auf in Tausendteilchen
Und wimmelt durch den öden Raum.Es waltet stets dasselbe Leben,
Natur geht ihren ew'gen Lauf;
In tausend neuerschaffnen Wesen
Stehn diese tausend Teilchen auf.Das Wesen aber ist verloren,
Das nur durch ihren Bund bestand,
Wenn nicht der Zufall die verstäubten
Aufs neu zu einem Sein verband.
Ich ging im Walde So für mich hin, Und nichts zu suchen, Das war mein Sinn. Im Schatten sah ich Ein Blümchen stehn, Wie Sterne...